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Medikamente

Therapeutischer Nutzen und Kosten im fragillen Gleichgewicht

Die Schweizer Pharmaindustrie gehört nebst der Maschinen- und Uhrenindustrie sowie der Tourismusbranche zu den Hauptwirtschaftszweigen der Schweiz. Die Pharmaindustrie steht wie auch andere Akteure im umfangreichen und komplexen Gesundheitssystem – teils heftig – in der Kritik: Astronomische Löhne der Führungskräfte, Situationsrenten dank vom Bundesrat  festgelegter, als zu hoch empfundener Preise sowie Mitverantwortung für die steigenden Gesundheitskosten sind die Kritikpunkte. Unser Dossier porträtiert die Branche und will  die Funktionsweisen und Herausforderungen aufzeigen.*

Medikamente und Gesundheitskosten

In der Schweiz betragen die  Gesundheitskosten insgesamt rund 63 Milliarden Franken, wovon im Jahr 2010 9,7%, das heisst rund 6 Milliarden Franken, für Medikamente verwendet wurden (10,1% in den Vorjahren). Die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) trägt nahezu 5 Milliarden Franken dieser Kosten, was 20% ihrer regelmässig steigenden Gesamtausgaben ausmacht.

Vergütete Medikamente in Zahlen

Laut Interpharma betrug der Anteil der zulasten der OKP vergüteten  Medikamente 2011 80% des Umsatzes der Branche in der Schweiz, das sind 3,885 Milliarden Franken zum Fabrikabgabepreis. Für die Krankenversicherer belaufen sich die Gesamtausgaben schliesslich auf rund 5 Milliarden Franken, denn zum Fabrikabgabepreis kommen die Vertriebsmargen und die Apothekengebühren hinzu, welche die Vertriebsund Vermarktungskosten für die Medikamente decken. Die von den Krankenversicherern vergüteten Medikamente verteilen sich auf vier Absatzkanäle:

  • Apotheken - 51,8% - 2,012 Mia. Franken
  • selbstdispensierende Ärzte -  27,3% - 1,059 Mia. Franken
  • Spitäler -  20,8% - 809,3 Mio. Franken
  • Drogerien - 0,1% - 4,7 Mio. Franken

Im Vergleich dazu belief sich der Gesamtbetrag der 2011 rezeptfrei verkauften Medikamente (sogenannte OTC-Medikamente: «over the counter» – über den Ladentisch) die in Apotheken, Drogerien, Arztpraxen oder Spitälern erhältlich sind, auf 728,8 Millionen Franken (Basis Fabrikabgabepreis).

Medikamente und Versicherte

Im Jahr 2010 hat jeder OKP-Versicherte im Durchschnitt Fr. 643.– für Medikamente ausgegeben, wovon Fr. 427.– in Apotheken und Fr. 216.– bei  selbstdispensierenden Ärzten. Zum Vergleich: Im Jahr 2006 waren es noch insgesamt Fr. 585.–. Wie im nachfolgenden Schema ersichtlich, ist der Medikamentenverbrauch der Versicherten von Kanton zu Kanton sehr unterschiedlich.

Schweizer Firmen internationaler Grösse

Ein besonderes Phänomen des Schweizer Pharmamarkts und seiner Akteure ist die internationale Präsenz. Schweizer Firmen wie Novartis, Roche, Merck Serono und Actelion halten 11% des Pharmamarktes weltweit, mit einem Gesamtumsatz von über 87 Milliarden Franken. Der Umsatz von Novartis, die international an zweiter Stelle liegt, beläuft sich auf 48,6 Milliarden Franken (51,5 Mia. USD). Roche steht an sechster Stelle mit einem Umsatz von 32,4 Milliarden Franken (34,5 Mia. USD). Europa ist der Hauptabnehmer der Schweiz, doch die Märkte der Schwellenländer, insbesondere Asiens, gewinnen an Gewicht.

Forschung und Entwicklung

Diese fünf Schweizer Mitgliedsunternehmen von Interpharma haben in der Schweiz mehr als 6 Milliarden Franken in Forschung und Entwicklung investiert, das sind 38,7% ihrer weltweiten Ausgaben und fünfmal mehr als ihr in der Schweiz erzielter Umsatz. In den USA, dem zweiten Standort für Forschung dieser  Unternehmen, wurden über 5 Milliarden Franken investiert.

Neue Medikamente

In den letzten Jahrzehnten sind die Entwicklungskosten für neue Medikamente stark gestiegen. Vor 35 Jahren betrugen sie noch 127 Millionen Franken, heute sind bis zur Markteinführung mehr als 1,5 Milliarden erforderlich.

Markteinführung nach Zulassung durch Swissmedic

Die Zulassung eines Medikaments bei Swissmedic, öffentlich-rechtliche Anstalt des Bundes, erfordert ein umfangreiches Dossier, dessen Bearbeitung rund 330 Tage in Anspruch nimmt. 2011 wurden 20 pharmazeutische Wirkstoffe zugelassen. Bei Medikamenten gegen eine Krankheit, für die es noch keine Behandlung gibt, oder von denen man sich einen hohen therapeutischen Nutzen verspricht, verkürzt sich der Zulassungsprozess auf ungefähr 140 Tage. Es sind immer weniger Medikamente auf dem Schweizer Markt zugelassen: 1990 waren es noch über 10’000, das sind 1’500 mehr als heute (für Humanund Veterinärmedizin). Im Jahr 2011 waren 68% der zugelassenen Arzneimittel rezeptpflichtige Medikamente. Interessant ist, dass von 10’000 im Labor untersuchten Wirkstoffen lediglich 10 in die klinische Testphase gelangen und nur ein einziger vermarktet wird.

Liste kassenpflichtiger Medikamente

Die Anzahl der von der OKP übernommenen Medikamente stieg zwischen 2010 und 2011 von 2’586 auf 2’788, wovon 92% rezeptpflichtig sind. Die offizielle Liste wird vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) erstellt.

Medikamentenpreise

Der Publikumspreis eines kassenpflichtigen Medikaments wird durch den Bundesrat festgelegt. Alle drei Jahre werden Preiskontrollen durchgeführt. Dabei werden die Vertriebskosten sowie der Fabrikabgabepreis geprüft. Die Kontrollen basieren auf einem Vergleich mit gleichwertigen Produkten im Ausland. Verglichen wird mit Ländern, die ein ähnliches Wirtschaftssystem haben wie die Schweiz: Deutschland, Dänemark, Grossbritannien, Niederlande, Frankreich und Österreich. In den letzten Jahren wurde die  Vertriebsmarge bei Medikamenten gesenkt: von 15% auf 12% bei Medikamenten, die weniger als Fr. 880.– kosten, und von 10% auf 7% bei solchen, die Fr. 880.– oder mehr kosten.

Generika stark im Kommen

Ein Generikum ist eine Kopie eines Originalpräparates, dessen Patentschutz abgelaufen ist. Von 2003 bis 2011 haben sich die Ausgaben der Krankenversicherungen für Generika verdreifacht und summierten sich auf 478 Millionen Franken.

Patentschutzdauer

Der Staat gewährt Unternehmen, die Forschung betreiben, einen Patentschutz. Die Dauer des Patents ist auf 20 Jahre begrenzt. Aufgrund der strengen Anforderungen, die vor der Markteinführung eines neuen Medikaments erfüllt werden müssen, wirkt der effektive Patentschutz durchschnittlich 10 Jahre. Das Gesetz sieht ausserdem «ergänzende Schutzzertifikate» vor, die den Patentschutz auf höchstens 15 Jahre verlängern.

Fokus

Rolle der Krankenversicherer

Für alle Leistungen der Grundversicherung und der privaten Zusatzversicherungen prüfen die Krankenversicherer die eingehenden Rechnungen und versuchen, möglichst vernünftige Preise auszuhandeln. Aber auch dabei müssen sie sich mit allen anderen Akteuren des Gesundheitswesens einigen. Wenn der Bundesrat nach Beratung mit der Eidgenössischen Arzneimittelkommission – in der alle Akteure des Gesundheitswesens vertreten sind –  entscheidet, dass ein Medikament von der Grundversicherung übernommen werden muss, können die Krankenversicherer sich nicht wehren. Sollte hingegen der Bundesrat eine solche Aufnahme verweigern, kann die Pharmaindustrie Rekurs einlegen und in manchen Fällen vor Gericht Recht bekommen.

Zähe Verhandlungen

Nach langen und zähen Verhandlungen mit der Pharmaindustrie konnten die Krankenversicherer einen Konsens über die Senkung der Preise zur  Kostendämpfung im Gesundheitswesen erreichen. Dank jährlicher Vergleichsstudien konnten die Preisunterschiede zu den Nachbarländern verringert werden. Die Krankenversicherer befürworten ausserdem das Prinzip des Parallelimports von Medikamenten aus dem Ausland. Die Pharmaindustrie wehrt sich vehement dagegen und sicherte sich bis heute jeweils die Unterstützung sowohl des Bundesrats als auch des Parlaments. Die letzte Stellungnahme der  Krankenversicherer durch santésuisse betrifft die Vertriebsmargen für  verschreibungspflichtige Medikamente. Ein Vergleich mit den Kosten im Ausland ergab, dass in der Schweiz 410 Millionen Franken mehr ausgegeben werden müssen als im Durchschnitt in den betreffenden europäischen Ländern. santésuisse fordert deshalb, die Margen dem europäischen Durchschnitt anzupassen.

Interview mit Thomas Cueni, Direktor Interpharma*

Herausforderungen und Zukunft der Schweizer Pharmaindustrie

Die Pharmaunternehmen sind ein wesentlicher Bestandteil des sehr komplexen und reglementierten Gesundheitssystems. Wie sehen Sie die Zukunft?

Tatsächlich sind der Gesundheitsmarkt allgemein und der Pharmamarkt im Besonderen stärker reguliert als jeder andere Markt von volkswirtschaftlicher Bedeutung. Das geht von den klinischen Studien bei der Entwicklung neuer Medikamente über das Zulassungsprozedere bis hin zu den Preisen, die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) festgesetzt werden. Vieles davon ist notwendig im Interesse der Patientinnen und Patienten. Die ausgeprägte Regulierung gewährleistet Qualität und Sicherheit.

Sehen Sie Möglichkeiten, das Regelwerk in Richtung Freiheit zu vereinfachen?

Natürlich gibt es überall, wo reguliert wird, auch Überregulierung. Störend sind in der Schweiz aber vor allem die langen Fristen – die Zeit, die vergeht, bis eine klinische Studie bewilligt, ein Medikament zugelassen oder auf der Spezialitätenliste ist und somit erstattet wird. Das ist unnötig, behindert die Innovation sowie den Zugang für Patienten zu neuen Medikamenten und gibt ein schlechtes Signal für den Standort. Dies zu verbessern, daran arbeiten die Behörden unter Bundesrat Berset. Wir sind zuversichtlich, dass diese Bemühungen schon bald Resultate zeitigen werden.

Wo liegen für die Pharmaunternehmen die grössten Einschränkungen vor?

Der Forschungsstandort Schweiz verfügt insgesamt über gute Rahmenbedingungen. Die Konkurrenz hat allerdings aufgeholt und ist teils daran, uns zu überholen. Während bei uns die  Rahmenbedingungen schlechter geworden sind – zu lange Verfahren, Preissenkungen, einseitig auf Kostensenkungen ausgerichtete Diskussion – sind die Schwellenländer, vor allem in Asien, dynamischer geworden.

Was schlagen Sie vor?

Wir sind vor diesem Hintergrund dankbar für die Diskussion über einen Masterplan für eine Revitalisierung der Schweiz als Forschungs- und Pharmastandort. Die Schweiz braucht gute Rahmenbedingungen, um das Potenzial der Pharmaindustrie für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit zu nutzen. Als wichtigste Exportindustrie unseres Landes ist die Pharmabranche Garant für Wachstum und hochwertige Arbeitsplätze. Gerade vor dem Hintergrund der Probleme des Finanzplatzes gilt es unsere Stärken zu nützen: Bei den Zulassungverfahren sollte die Schweiz rascher sein können als die Europäische Union.

Trotz der Preissenkungen der letzten Jahren sind die Medikamentenpreise in der Schweiz höher als in unseren Nachbarländern. Wieso?

Die Medikamentenpreise sind in den letzten Jahren laufend gesenkt worden und der Medikamentenpreisindex ist heute rund 20 Prozent tiefer als vor fünf Jahren. Gleichzeitig sind unsere Kosten in der Schweiz aufgrund des starken Frankens gestiegen. Deshalb wünschten wir uns manchmal etwas mehr Augenmass bei der Preisdiskussion.

Die grossen Herausforderungen Ihrer Branche?

Mit neuen, besseren Medikamenten möchte die Pharmaindustrie ihren Beitrag leisten, um der Bevölkerung im Alter ein Leben bei guter Gesundheit zu ermöglichen. Gerade für die Schweiz mit ihrer starken Pharmaindustrie sind die Probleme alternder Gesellschaften nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance. «Gesundes Altern», um länger aktiv zu bleiben, ist nur möglich, wenn wir wirksamere Therapien gegen Alterskrankheiten entwickeln.

Gibt es Grenzen für innovative Produkte in der Pharmabranche? Man wirft Ihnen immer wieder vor, Sie würden «falsche» Innovationen auf den Markt bringen, also alte Medikamente in neuen Packungen?

Diese Kritik war vielleicht einmal berechtigt. Aber kein Gesundheitssystem der Welt zahlt einen höheren Preis, wenn es nur um eine neue «Verpackung» geht. Nur Medikamente, welche einen  therapeutischen Mehrwert bringen, auch wenn dieser in kleinen Schritten erfolgt, erhalten einen Preis, der die risikoreiche Forschung honoriert.

Wie sieht aus Ihrer Sicht die ideale Dauer aus, was die Verfahren, die ein neues Medikament durchgehen muss, betrifft?

Die Swissmedic ist daran, ihre Zulassungsverfahren erheblich zu verkürzen. Und auch das BAG sollte in der Lage sein, das Preisfestsetzungsverfahren deutlich zu beschleunigen, damit neue Medikamente möglichst rasch von den Krankenkassen erstattet werden. All dies liegt im Interesse der Patientinnen und Patienten, die möglichst rasch Zugang zu neuen Medikamenten erhalten sollen. Es kann doch nicht sein, dass – wie vor ein paar Jahren – Patientinnen in Slowenien rascher Zugang zu einem modernen Medikament gegen Brustkrebs haben als in der Schweiz.

* Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz

Artikel aus der Versichertenzeitung Login

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