Diabetesprävention fängt in der Kindheit an

03. März 2021 | Kommentar(e) |

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Oda Machemer ist eine von rund 200 Diabetesfachberaterinnen in der Schweiz. Im Interview erklärt sie die Unterschiede zwischen Diabetes Typ 1 und Typ 2, spricht über die Risikofaktoren und begründet wieso es zutrifft, die Stoffwechselerkrankung als „unsichtbare Gefahr“ zu bezeichnen.

Frau Machemer, wo steht die Schweiz in Sachen Diabetes?

Insgesamt haben wir in der Schweiz eine sehr gute Versorgung. Die Schweiz ist eines der Länder mit der höchsten Lebenserwartung. Bei der Diabetesversorgung gab es im Europavergleich aber Verbesserungspotential, insbesondere bei der Früherkennung, bei den empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen für Diabetesbetroffene sowie bei Selbstmanagementschulungen. Heute begleiten viele Praxen Diabetespatienten enger, schulen sie besser und führen Vorsorgeuntersuchungen konsequenter durch. Als Diabetesberaterin sehe ich Patienten häufig erst, wenn sie bereits Spätkomplikationen haben, das finde ich schade. Ich wünschte mir, dass Schulungen zum Selbstmanagement allen Diabetesbetroffenen zu Beginn der Erkrankung angeboten würden.

Wo stehen Sie in Ihrer Funktion als Diabetesfachberaterin?

Wir Diabetesfachberaterinnen sind Pflegefachfrauen mit einer 2jährigen Weiterbildung. Ich sehe mich als Teil eines interdisziplinären Teams. Für eine erfolgreiche Diabetesbehandlung, müssen wir im Team arbeiten. Dazu zählen MedizinerInnen, ErnährungsberaterInnen, Pflegefachleute, PraxisassistentInnen und PodologInnen.

Welches sind die häufigsten Diabetes-Typen?

Wenn von Diabetes gesprochen wird, ist meistens der Typ2 Diabetes gemeint. Es ist die häufigste Form von Diabetes. Früher hat man das als Altersdiabetes bezeichnet, weil es eher in der zweiten Lebenshälfte beginnt. Eine halbe Million Menschen sind  in der Schweiz von der chronischen Stoffwechselkrankheit betroffen. Diabetes Typ-1 tritt meist erstmals bei Kindern, Jugendlichen oder in der ersten Lebenshälfte auf.

Was sind die Unterschiede?

Bei Typ2-Diabetes produziert der menschliche Körper selber Insulin. Die Behandlung erfolgt deshalb hauptsächlich mit der Umstellung des Lebensstils, mit Ernährungsanpassung, mehr Bewegung und erst in zweiter Linie mit Insulin. Während bei Typ1-Diabetes bereits bei Krankheitsbeginn das Insulin im Körper fehlt und von aussen zugeführt werden muss.

Was viele nicht wissen: Es gibt eine deutlich genetische Veranlagung zum Typ2-Diabetes. Etwa 50 Prozent ist Veranlagung und 50 Prozent ist beeinflussbar. Familiäre Veranlagung oder das Alter kann man nicht beeinflussen. Lebensgewohnheiten wie Ernährung oder Bewegung können wir verändern.

Typ2-Diabetes wird oft als unsichtbare Gefahr bezeichnet. Trifft das zu?

In der Tat wissen Menschen häufig nicht, dass sie ein Risiko für Typ2-Diabetes aufweisen oder bereits erhöhte Blutzuckerwerte haben. Jetzt kann man sich fragen: Warum? Unser Körper ist es sich gewohnt, sich anzupassen. Wenn Veränderungen langsam geschehen und der Blutzucker über Jahre nur leicht ansteigt, fehlen die starken Warnsignale. Diese Situation ist sowohl für Betroffene, als auch für uns in der Diabetesberatung eine grosse Herausforderung. Warum soll man den Lebensstil verändern, wenn man keine Beschwerden hat?

„Online-Risikotests helfen bei der Prävention“
Oda Machemer, Diabetesfachberaterin in der
Praxis Endokrinologie Diabetologie Bern

Und wie kann diese Motivation gestärkt werden?

Etwa die Hälfte der Betroffenen sagen erstmal, dass sie sich gut fühlen und nichts vom erhöhten Zucker im Körper merken. Wenn ich aber jeweils nachfrage, werden nicht selten Zeichen einer Diabeteserkrankung bewusst wahrgenommen. Dazu gehören Zeichen wie Durst, häufiges Wasserlösen, Schwächegefühl, Muskelkrämpfe, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche bis hin zu Stimmungstiefs, ungewollter Gewichtsverlust oder schlecht heilende Wunden.
Es ist wichtig, nach solchen Beschwerden zu fragen. Was wir selbst spüren können, ist uns näher als ein Blutzuckermesswert und kann daher auch stärker.

Was sind neue Diabetes-Gefahren?

Nehmen wir das hochaktuelle Beispiel Homeoffice. Ein alleinstehender Patient von mir, der im Homeoffice arbeitet, fand es schwierig, genug Zeit zu finden, sich in der Mittagspause ein gesundes Essen zu kochen. Dadurch dass der Arbeitsweg wegfällt, bewegt er sich weniger und hat Gewicht zugenommen. Stimmungstiefs, weil Kontakte wegfallen, sind weitere Faktoren, die das Selbstmanagement bei Typ2-Diabetes erschweren.

Ich sehe da aber nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen. Manche haben die Zeit genutzt, sich um Ihre Gesundheit zu kümmern. Eine Patientin von mir ist Musikerin und alle ihre Konzerte wurden wegen Covid-19 abgesagt. Sie hat die Zeit genutzt, sich mehr zu bewegen, gesünder zu essen und sich mit Ihren Blutzuckerwerten zu befassen.

Bei Diagnose Typ2-Diabetes kann es schon zu spät sein. Wie erkenne ich, ob ich ein erhöhtes Diabetesrisiko habe?

Ein Online-Risikotest auf www.diabetesschweiz.ch liefert bereits erste Empfehlungen. Da werden die wichtigsten Faktoren wie Alter, familiäre Veranlagung, Gewicht, Bewegung und Ernährung abgefragt. Erhöhte Werte des Blutzuckers, Blutdrucks und Cholesterins können ebenfalls Hinweise auf ein erhöhtes Diabetesrisiko sein. Wenn solche Risiken vorliegen, ist eine regelmässige Überprüfung über den Hausarzt notwendig.

Was halten Sie von Gesundheits-Coaching per Videocall?

Das ist eine Technik, die durch Covid-19 verstärkt angewendet wird. Auch ich habe mit meinen Patientinnen und Patienten via Videocalls kommuniziert. Man erreicht damit auch Gruppen, die nicht zu uns in die Praxis kommen würden,. Bei der Beratung ein Gesicht zu sehen, finde ich hilfreich. In komplexen Pflegesituationen wird aber doch ein physisches Treffen erforderlich sein, natürlich auch, wenn es um Instruktionen geht. Was die Prävention betrifft bin ich der Meinung, je mehr Kanäle vorhanden sind desto mehr Menschen können wir erreichen.

5 Präventions-Tipps gegen Typ2-Diabetes

  • Kinder an eine gesunde Ernährung gewöhnen und viel Bewegung ermöglichen.
  • Online-Risiko-Test über www.diabetesschweiz.ch oder www.mydiabcheck.ch durchführen
  • Regelmässig Blutzucker untersuchen lassen, falls ein erhöhtes Risiko für Typ 2 Diabetes besteht
  • Treppen statt Lift benutzen. Eine ÖV-Station früher aussteigen und den Rest zu Fuss gehen.
  • Alternativen zu gezuckerten Getränken finden.

Autor(in)

Leiter Medienkommunikation

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