Absenzen in Pflegeheimen: Erkenntnisse in konkrete Massnahmen überführen

24. September 2026 | Kommentar(e) |

Adrien Jacquérioz

In Pflegeheimen sind die unmittelbaren Auswirkungen von Absenzen – vielleicht sogar noch stärker als anderswo – beträchtlich: Einsatzpläne müssen neu organisiert werden, die Belastung der Teams vor Ort steigt, Führungskräfte sind stark gefordert und langfristig kann die Qualität der Betreuung leiden. Für HR-Verantwortliche in Pflegeheimen geht es bei der Reduktion von Absenzen nicht nur darum, Kennzahlen im Blick zu behalten. Vielmehr geht es um eine gute Organisation, die Bindung der Mitarbeitenden, Prävention und nicht zuletzt die Qualität der Arbeit.

In körperlich anspruchsvollen Berufen, die mit einer hohen emotionalen Belastung und erheblichen organisatorischen Herausforderungen verbunden sind, haben Absenzen oft vielfältige Ursachen:

  • Belastung
  • Spannungen im Team
  • Mangelnde Kommunikation
  • Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit der Anforderungen des Arbeitsalltags mit den verfügbaren Ressourcen
Um ein objektives Bild der Situation zu erhalten und die bisherige Wahrnehmung durch eine fundierte Analyse zu präzisieren, hat die Fondation La Rozavère, die drei Pflegeheime in der Region Lausanne betreibt und mehr als 390 Mitarbeitende beschäftigt, mit Unterstützung der CorporateCare-Spezialistinnen und ‑Spezialisten der Groupe Mutuel ein Pilotprojekt zum betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) durchgeführt.

Warum es sich lohnt, Absenzen anders zu analysieren

In vielen Pflegeheimen werden Absenzen in erster Linie als ein Problem betrachtet, dessen Folgen bewältigt werden müssen: Ersatz organisieren, die Organisation anpassen und akute Engpässe auffangen. So wichtig dies im Alltag ist, greift es jedoch zu kurz, wenn es darum geht, die Ursachen nachhaltig anzugehen. Um Absenzen zu reduzieren, muss auch untersucht werden, inwiefern Arbeitsorganisation, Führungspraktiken, körperliche Belastungen und Arbeitsbeziehungen zu Erschöpfung, Schmerzen oder einem nachlassenden Engagement der Mitarbeitenden beitragen können.

Massnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements schaffen einen strukturierten Rahmen und ermöglichen es, HR-Daten, Rückmeldungen der Mitarbeitenden, Beobachtungen aus dem Arbeitsalltag und das Wissen von Fachleuten miteinander zu verknüpfen, um Handlungsprioritäten zu ermitteln. Dabei geht es nicht darum, möglichst viele einzelne Massnahmen umzusetzen, sondern einen kohärenten Ansatz zu entwickeln:

  • Risiken vorbeugen
  • Absenzen besser bewältigen
  • die Rückkehr an den Arbeitsplatz unterstützen

Für HR-Verantwortliche bietet diese Methode einen entscheidenden Vorteil: Sie können ein Problem, das häufig als gegeben hingenommen wird, in einen konkreten Steuerungshebel verwandeln. Die Methode unterstützt dabei, Massnahmen zu priorisieren, Führungskräfte und Mitarbeitende einzubeziehen, den Bedarf zu objektivieren und die Wirkung der Massnahmen auf die Gesundheit, Motivation und Stabilität der Teams aufzuzeigen.

Das Projekt La Rozavère: die richtigen Ansatzpunkte aus dem Arbeitsalltag ableiten

Bei der Fondation La Rozavère stand zu Beginn eine einfache Frage: Welche Faktoren beeinflussen die Gesundheit und das Wohlbefinden der Teams im Arbeitsalltag? Um dieser Frage nachzugehen, führten die CorporateCare-Spezialistinnen und ‑Spezialisten der Groupe Mutuel gemeinsam mit der Institution eine gezielte Analyse beim Pflegepersonal sowie bei den Hauswirtschaftsangestellten durch.

Auf diese Weise konnten psychosoziale Risikofaktoren und körperliche Belastungen ermittelt werden, die teilweise bereits bekannt, jedoch nicht immer erfasst waren. Dieser wichtige Schritt schafft eine gemeinsame Grundlage für Personalabteilung, Führungskräfte und Geschäftsleitung, um zu entscheiden, wo und wie vorrangig gehandelt werden muss.

Durch die Einbeziehung der betroffenen Mitarbeitenden vor Ort wurden im Rahmen des Projekts zudem die täglichen Arbeiten stärker gewürdigt. Die Möglichkeit, sich zu ihren Arbeitsbedingungen zu äussern, verlieh dem Vorgehen aus Sicht der Teams zusätzliche Legitimität. Für die Führungskräfte erleichtert dies die Akzeptanz der Massnahmen. Und der Geschäftsleitung ermöglicht es, Investitionen gezielter auszurichten.

Wichtig für HR-Leitungen von Pflegeheimen

Ein wirksames BGM beginnt nicht mit einer vorgefertigten Lösung, sondern mit einer gemeinsamen Analyse der Ausgangslage. Dieser Schritt hilft dabei, zwischen Absenzen aufgrund individueller Situationen und solchen zu unterscheiden, die durch organisatorische, führungsbezogene oder technische Anpassungen vermieden werden können.

Konkrete, gezielte und rasch umsetzbare Massnahmen für Gesundheit am Arbeitsplatz

Die bei La Rozavère durchgeführte Analyse ergab einfache Massnahmen, die direkt an die Bedürfnisse anknüpfen, die in konkreten Arbeitssituationen geäussert und beobachtet wurden. Sie lassen sich rasch umsetzen, ohne dass dafür die gesamte Organisation umgestaltet werden muss.

  • Arbeitsmittel anpassen, beispielsweise der von den Hauswirtschaftsteams verwendete Wagen, um Rückenschmerzen und andere körperliche Beschwerden zu reduzieren.
  • Pausen besser schützen, indem Unterbrechungen und telefonische Anfragen reduziert werden, damit die Mitarbeitenden diese Zeit tatsächlich zur Erholung nutzen können.
  • Kurze Sitzmassagen anbieten, die während der Arbeitszeit stattfinden, um den Mitarbeitenden einen Moment der Entspannung zu ermöglichen und Muskelverspannungen zu reduzieren.
  • Präventionsschulungen ausbauen, die das Pflegepersonal insbesondere in den Bereichen Patientenhandling, Umgang mit Emotionen, Konflikte und anspruchsvolle zwischenmenschliche Situationen stärken.
Für sich genommen mögen diese Massnahmen bescheiden erscheinen, strategisch sind sie jedoch relevant. Sie zeigen den Teams, dass die Herausforderungen ihres Arbeitsalltags ernst genommen werden, und können zu spürbaren Verbesserungen führen. Die Fähigkeit, rasch auf konkrete Problemstellungen zu reagieren, schafft Akzeptanz für eine solide Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz.

«Diese einfachen Massnahmen, die in enger Zusammenarbeit mit der Personalabteilung umgesetzt wurden, haben rasch dazu beigetragen, den Komfort, die Sicherheit und die Lebensqualität der Mitarbeitenden zu verbessern. Heute werden alle Mitarbeitenden bereits bei ihrem Eintritt geschult, und bei jeder Veränderung werden die gesundheitlichen Aspekte von Anfang an mitberücksichtigt.»

Julien Ethenoz, Sicherheitsbeauftragter und Projektleiter bei der Fondation La Rozavère.

«Das Projekt hat gezeigt, dass sich ausgehend vom Arbeitsalltag einfache, konkrete und mobilisierende Handlungsansätze identifizieren lassen. Das Engagement der Fondation La Rozavère und ihrer Teams war dabei ein entscheidender Erfolgsfaktor.» 

Claire Bauduin, Ergonomin und CorporateCare-Spezialistin bei der Groupe Mutuel.

Das ändert sich dadurch für die Personalabteilung

Für HR-Verantwortliche in Pflegeheimen geht der Nutzen solcher Massnahmen über das Wohlbefinden am Arbeitsplatz hinaus, da sich mehrere zentrale HR-Herausforderungen ganzheitlich angehen lassen: die Ursachen von Absenzen besser verstehen, Führungskräfte unterstützen, Mitarbeitende binden, die Überlastung der anwesenden Teams verringern und die Attraktivität des Unternehmens steigern.

BGM-Massnahmen fördern zudem den Dialog zwischen der Geschäftsleitung, der Personalabteilung, den Führungskräften und den Mitarbeitenden. Anstatt Absenzen lediglich als eine Quote zu betrachten, die gesenkt werden muss, kann die Institution sie als Hinweis darauf nutzen, dass das Gleichgewicht zwischen Arbeitsanforderungen, verfügbaren Ressourcen und Arbeitsbedingungen wiederhergestellt werden muss.

Wie lässt sich ein ähnlicher BGM-Prozess im eigenen Pflegeheim umsetzen?

Absenzen lassen sich wirksamer reduzieren, wenn das Vorgehen einem klaren Ablauf folgt. Diese fünf Schritte können für ein Pflegeheim als Ausgangspunkt dienen:

  • Vorhandene Daten analysieren: Absenzquoten und -arten, betroffene Dienste, saisonale Schwankungen, durchschnittliche Dauer und Häufigkeit.
  • Mitarbeitende befragen: mithilfe von Umfragen, Gesprächen, Beobachtungen vor Ort oder Workshops, um die im Arbeitsalltag erlebten Herausforderungen zu verstehen.
  • Beeinflussbare Ursachen identifizieren: Arbeitsorganisation, körperliche oder emotionale Belastung, Kommunikation, Management und Arbeitsmaterial.
  • Einige konkrete Massnahmen priorisieren: sichtbare, realistische und auf den Arbeitsalltag der Mitarbeitenden abgestimmte Massnahmen bevorzugen.
  • Messen und anpassen: Kennzahlen beobachten, Rückmeldungen einholen und den Massnahmenplan schrittweise anpassen.
Diese schrittweise Vorgehensweise hilft, zwei häufige Stolpersteine zu vermeiden: sich auf die reine Analyse zu beschränken und zu viele Massnahmen gleichzeitig anzugehen. Vielmehr ermöglicht sie, einen glaubwürdigen, messbaren und für alle nachvollziehbaren Entwicklungsprozess zu schaffen. Ein echter Mehrwert für die Mitarbeitenden und folglich für die Leistung des gesamten Unternehmens.

Weniger Absenzen mit dem CorporateCare-Programm der Groupe Mutuel

Mit ihren CorporateCare-Spezialistinnen und ‑Spezialisten unterstützt die Groupe Mutuel Unternehmen beim Aufbau eines strukturierten und integrierten Gesundheitsmanagements, das Gesundheitsförderung, Risikoprävention und Absenzenmanagement miteinander verbindet. Die Expertinnen und Experten analysieren die Situation, empfehlen geeignete Massnahmen und unterstützen deren nachhaltige Umsetzung.

Im besonderen Kontext von Pflegeheimen ermöglicht diese Begleitung, menschliche, organisatorische und wirtschaftliche Aspekte miteinander zu vereinen:

  • Gesundheit der Mitarbeitenden wahren
  • Vermeidbare Absenzen reduzieren
  • Führungskräfte unterstützen
  • Und die Fähigkeit der Institution stärken, ihren Auftrag zum Wohl der Bewohnerinnen und Bewohner zu erfüllen.

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