Fehlende Erfahrung mit Operationen gefährdet Patientinnen und Patienten

11. März 2022 | Kommentar(e) |

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Mehr als 270 Todesfälle in Spitälern hätten jedes Jahr verhindert werden können. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der Groupe Mutuel, die die Mindestfallzahlen bei komplexen medizinischen Eingriffen in Schweizer Spitälern analysiert hat.

Was unterscheidet die Spaghetti mit Tomatensauce einer Spitzenköchin von der eines Kochlehrlings im ersten Lehrjahr? Der Geschmack. Was die Spitzenköchin auftischt, wird wahrscheinlich besser munden. Der Lehrling und die Köchin benutzen zwar das gleiche Rezept und die gleichen Zutaten. Die Spitzenköchin hat aber einen Vorteil: Langjährige Erfahrung. Sie weiss, wie man die Zwiebeln für die Sauce perfekt bräunt, wie man die Flamme des Gasherds genau im richtigen Moment runterdreht und wie man die Pasta kurz bevor sie al dente ist, noch in der Tomatensauce köchelt, damit sie die Sauce aufsaugt. Diese Analogie lässt sich auch auf Ärzte und Ärztinnen und ihre Erfahrung und Routine mit medizinischen Eingriffen übertragen. Nur dass bei Ärzten mehr auf dem Spiel steht als eine fade Tomatensauce. Es geht um die Gesundheit und im Extremfall das Leben von Patientinnen und Patienten. 

Realistischere Mindestfallzahlen für bessere Behandlungsqualität

Eine neue wissenschaftliche Studie der Groupe Mutuel unter der Leitung von Dr. Daniel Zahnd zeigt, dass jedes Jahr mehr als 270 Todesfälle in Schweizer Spitälern hätten verhindert werden können, würde die Qualität der Behandlungen in allen Schweizer Spitälern ein Mindestniveau erreichen. Für die Studie wurde bei 25 Krankheitsgruppen das Sterberisiko der Patienten im Zusammenhang mit der Routine der behandelnden Ärzte untersucht. Bei zehn medizinischen Eingriffen stellte die Studie einen signifikanten Zusammenhang zwischen der fehlenden Routine der Ärzte und der Sterberate der Patienten fest. Zudem konnte der Autor auf Schweizer Spitäler angepasste Mindestfallzahlen für diese zehn medizinischen Eingriffe herleiten. Mindestfallzahlen sind in diesem Fall die Anzahl Eingriffe, die ein Spital erreichen muss, damit eine optimale Behandlungsqualität gewährleistet werden kann. 

Die heute gültigen Mindestfallzahlen für Schweizer Spitäler werden auf der Grundlage der Spitalleistungsgruppen (SPLG) bestimmt und fallen teilweise deutlich tiefer aus als in der vorliegenden Studie. So empfiehlt die Schweizerische Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) bei einer Hüftgelenkersatz-OP eine Mindestfallzahl von 50 Eingriffe pro Jahr, wohingegen die Studie auf 303 Eingriffe kommt, die pro Jahr und pro Spital vorgenommen werden sollten, um eine gute Behandlungsqualität zu garantieren.

Die heute empfohlenen Mindestfallzahlen sind daher kritisch zu beurteilen, da sie sich im Gegensatz zu den erstmals datenbasiert ermittelten Mindestfallzahlen der Studie der Groupe Mutuel nur auf internationale Literaturanalysen stützen. Die in der Studie analysierten Daten für die Mindestfallzahlen basieren auf Akutspital-Daten von 2017 bis 2019 des Bundesamts für Statistik. Die Studie kommt zum Schluss, dass in vielen Spitäler die nötige Routine fehlt, um bestimmte Eingriffe in guter Qualität vorzunehmen. 

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Besonders Regional- und Bezirksspitälern fehlt es an Erfahrung für bestimmte Eingriffe
  • Den meisten Spitälern fehlt es bei folgenden Eingriffen an Erfahrung:
    • Harnblasen-Entfernung
    • Hüftgelenk-Ersatz
    • Behandlung der Chronischen Obstruktiven Lungenkrankheit (COPD) 
    • Herzinfarkt-OP

Fazit

Bei Köchen wie auch bei Ärztinnen und Ärzten sollte die Qualität im Zentrum stehen. Für Patientinnen und Patienten sollte es keine Glücksache sein, die beste Behandlung zu erhalten. Komplexe medizinische Behandlungen und Eingriffe sollten nur in Spitälern vorgenommen werden, in denen genügend Routine vorhanden ist.

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Vanessa Sadecky

Autor(in)

Kommunikationsspezialistin Deutschschweiz

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