Weniger Tabus beim Thema «Gesundheit der Frau» dank Tech4Eva

17. Dezember 2021 | Kommentar(e) |

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Die allererste Ausgabe von Tech4Eva ist mit einer überaus positiven Bilanz zu Ende gegangen. Die 30 teilnehmenden Start-ups des Accelerators, die allesamt auf FemTech spezialisiert sind (Technologien im Dienst der Gesundheit der Frau), konnten 60 Millionen Franken aufbringen und gleichzeitig mit zahlreichen Tabus zu den Themen Periode, Fruchtbarkeit und Menopause brechen. Tech4Eva ist das Ergebnis einer am 8. März 2021 lancierten Partnerschaft zwischen der Groupe Mutuel und dem EPFL Innovation Park. Das Projekt hat zudem ermöglicht, die Defizite zu beleuchten, die beim Thema «Gesundheit der Frau» immer noch vorhanden sind. Wir haben mit Ksenia Tugay, Expertin für Innovation und Leiterin des Projekts Tech4Eva bei der Groupe Mutuel, gesprochen.

Ksenia Tugay, welche Bilanz ziehen Sie für diese erste Ausgabe?

Wir freuen uns natürlich sehr über den finanziellen Erfolg, das war das Ziel unserer Unterstützung dieses Start-up Accelerators: maximale finanzielle Mittel aufbringen, um die Forschung und die Innovation im Bereich der Gesundheit der Frau zu fördern. 60 Millionen Franken für 30 Start-ups sind eine enorme Summe! Vor allem freut uns aber, dass das Projekt so gut angekommen ist. Zur Erinnerung, wir haben 110 Bewerbungen von Start-ups aus aller Welt erhalten, das zeigt, dass das Thema «Gesundheit der Frau» relevant ist und einem grossen Bedarf gerecht wird.

Am meisten freut uns, dass wir mit Tabus im Zusammenhang mit der weiblichen Gesundheit wie der Periode, der Fruchtbarkeit, der Menopause und bestimmten Krankheiten wie Endometriose brechen konnten. Der kulturelle Wandel, selbst im Unternehmen Groupe Mutuel, ist beeindruckend. Immer mehr Frauen trauen sich, über schmerzhafte Perioden zu sprechen oder ihre Sorgen im Hinblick auf eine Schwangerschaft am Arbeitsplatz zu äussern. Ausserdem haben wir das Interesse der Medien und der User von sozialen Netzwerken geweckt. Deswegen haben wir mehrere Webinare zu diesen Tabuthemen organisiert und es ist eine echte Community mit FemTech aus der ganzen Welt entstanden.

Liegt es vor allem an diesen Tabus, dass wir heute mehr denn je Innovationen im Bereich der Gesundheit der Frauen brauchen?

Ja, denn es gibt in diesem Bereich enorm viele Defizite. Jahrelang waren Frauen in klinischen Studien unterrepräsentiert. Viele Moleküle wirken bei Männern und Frauen aufgrund ihrer biologischen Unterschiede jedoch anders, das gilt zum Beispiel bei der Behandlung von Herz-Kreislauf-Krankheiten. Ausserdem gab es nur wenige Forscherinnen und Fragen im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischen Unterschieden wurden nicht untersucht.

Es gibt beispielsweise nur wenige Studien zur Menopause oder – ein weiteres Beispiel – die Krankheit Endometriose wird auch heute noch falsch diagnostiziert. Man hat Frauen immer wieder versichert, dass Schmerzen während der Periode «normal» und keine weiteren Untersuchungen notwendig seien, obwohl 1 von 10 Frauen sehr unter Endometriose leidet.

Ist die Gesundheit der Frau Ihrer Meinung nach eine echte gesellschaftliche Herausforderung?

Ja, es ist sehr wichtig, diese Themen zu behandeln und vor allem, Studien durchzuführen. Lange galten FemTech als Nischenmarkt, obwohl Frauen einen Anteil von 50 % an der Weltbevölkerung haben. Das Thema ist wichtig für die öffentliche Gesundheit aber auch für die Gleichheit und das Zusammenleben in der Gesellschaft. Im Gegensatz zu Männern sind Frauen ihr Leben lang von zahlreichen Gesundheitsproblemen betroffen, nur weil sie einen komplexen Menstruationszyklus haben, und sie müssen die Kosten dafür tragen. Es werden immer mehr Lösungen entwickelt, man muss sie nur unterstützen, und genau das tun wir bei der Groupe Mutuel. 

Welche Innovationen müssen Ihrer Meinung nach am dringendsten umgesetzt werden?

Heute würde ich sagen, dass sich die Dinge zwar langsam ändern und es immer weniger Tabus und mehr Forscherinnen gibt, wir jedoch immer noch Studien zur Menopause oder zu Fruchtbarkeitsproblemen brauchen. Ausserdem werden zwischen Spitälern, Universitäten usw. nicht genügend Daten zu Frauen und Männern mit Fruchtbarkeitsproblemen ausgetauscht. Man vergisst viel zu häufig, dass das Thema Fruchtbarkeit in erster Linie eine Paarangelegenheit ist. Es fehlt auch an Lösungen für Endometriose. Wir bräuchten mehr digitale Anwendungen, um den betroffenen Frauen zu helfen, ihre Symptome zu tracken. Sie würden es uns ermöglichen, diese Krankheit besser zu verstehen. Und schliesslich stellen wir fest, dass es in allen Bereichen der Gesundheit der Frau noch an Innovationen fehlt.

Welche Innovationen wurden von diesen 30 Start-ups 2021 entwickelt und mit welchem Ergebnis?

Wir hatten zwei Arten von jungen Unternehmen, die «Early Stage Start-ups», die mit einer Idee kamen und denen wir mit Coaching und Networking geholfen haben, und die «Mature Start-ups», die bereits ein gut ausgereiftes Projekt hatten und vor allem Finanzierung suchten.

Zu den Innovationen, die bei der Ausgabe 2021 entwickelt wurden, gehören beispielsweise neue, weniger invasive gynäkologische Instrumente, neue medizinische Untersuchungstechniken, Fruchtbarkeitstracker, Armbänder, die die Symptome der Menopause überwachen, Lösungen für Inkontinenz (1 von 10 Frauen ist betroffen), Tests für Vaginitis (eine noch kaum bekannte Krankheit) und sexuell übertragbare Krankheiten, die zu Unfruchtbarkeit führen können, wie beispielsweise Chlamydien, Lösungen für die Reduzierung von Präeklampsien (Schwangerschaftsvergiftung) und Anwendungen für das Tracking der Schwangerschaft.

Viele wurden schon weiterentwickelt. Ziel war es nicht nur, Mittel zu beschaffen, sondern auch, sie durch EPFL Innovation Park und Groupe Mutuel mit der medizinischen und wissenschaftlichen Welt zu vernetzen.

Welches Start-up hat Sie besonders geprägt?

Aufgrund der Themen, mit denen sie sich befassen und die mich als Frau persönlich betreffen, sind alle Projekte von Tech4Eva prägend, aber ich würde sagen, Egyn, ein Start-up, das sich der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs widmet. Es wurde von einem Paar gegründet, das nur mit einer Idee kam. Mit meinem Kollegen Marco Rüedi vom EPFL Innovation Park haben wir die beiden im Hinblick auf ihr Geschäftsmodell, ihre Strategie aber auch auf ihre Art und Weise, ihr Projekt zu pitchen, unterstützt. Im Laufe unserer Coachings haben sie enorme Fortschritte gemacht, das war für uns ein echtes Erfolgserlebnis.

Diese erste Ausgabe ist am 7. Dezember 2021 zu Ende gegangen. Wie geht es 2022 weiter?

Wir werden selbstverständlich mit den Start-ups der Ausgabe 2021 in Kontakt bleiben und hoffen, dass sich ein Grossteil von ihnen demnächst auf dem Schweizer Markt entwickeln kann. Einige sind schon dabei.

2022 geht es mit der zweiten Ausgabe weiter! Wir möchten dasselbe Prinzip beibehalten, das heisst, Start-ups auswählen, die im Ideenstadium sind, und andere, die schon weiter sind. Und wir werden versuchen, bestimmte Themen, die wir dieses Jahr kaum oder überhaupt nicht behandelt haben, gezielt ins Visier zu nehmen, zum Beispiel Brustkrebs, Fehlgeburten, Frühgeburten, postpartale Depressionen, den Komfort am Arbeitsplatz während und nach der Schwangerschaft und viele mehr.

  • Die Anmeldung ist ab sofort und bis 1. März 2022 möglich, der Startschuss fällt am 31. März 2022.

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