Indikationsqualität: Wie wir medizinische Entscheidungen verbessern können

14. September 2026 | Kommentar(e) |

Luca Strebel

Nicht alles, was medizinisch möglich ist, ist für jede Patientin und jeden Patienten auch sinnvoll. Eine neue Studie der ZHAW zeigt, weshalb die Qualität medizinischer Entscheidungen stärker ins Zentrum rücken muss.

Ob eine Operation fachgerecht durchgeführt oder ein Medikament korrekt verabreicht wurde, lässt sich vergleichsweise gut beurteilen. Eine entscheidende Frage bleibt jedoch häufig unbeantwortet: War die Behandlung für diese Patientin oder diesen Patienten überhaupt die richtige? Genau darum geht es bei der Indikationsqualität.

Sie bezeichnet die Angemessenheit einer medizinischen Massnahme für eine bestimmte Patientin oder einen bestimmten Patienten. Entscheidend ist, ob auf Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisse, der individuellen Situation und der persönlichen Bedürfnisse die richtige Massnahme zum richtigen Zeitpunkt gewählt wird. Dazu kann auch der bewusste Verzicht auf eine Behandlung gehören.

Eine von der Fondation Groupe Mutuel in Auftrag gegebene Studie des Winterthurer Instituts für Gesundheitsökonomie der ZHAW zeigt: In der Schweiz bestehen bereits verschiedene Ansätze zur Förderung der Indikationsqualität. Es fehlt jedoch an einer gemeinsamen Strategie, vergleichbaren Daten und einer konsequenten Umsetzung. Die Studie formuliert deshalb neun Handlungsoptionen.

Neun Handlungsoptionen für die Schweiz

  • 1. Medizinische Guidelines weiterentwickeln und verbindlicher machen
    Evidenzbasierte und regelmässig aktualisierte Guidelines schaffen eine verlässliche Grundlage für medizinische Entscheidungen. Ihre Verbindlichkeit kann etwa durch unabhängige Überprüfungen gestärkt werden, ohne den notwendigen ärztlichen Handlungsspielraum einzuschränken.
  • 2. Qualitätsentwicklung in den Organisationen stärken
    Medical Boards, Qualitätszirkel und Peer Reviews ermöglichen es, Indikationsentscheide gemeinsam zu überprüfen. Strukturierte Daten und Vergleiche zwischen Kliniken oder Fachabteilungen können Auffälligkeiten sichtbar machen und gezielte Verbesserungen anstossen.
  • 3. Behandlungspfade stärker individualisieren
    Daten zur Indikations- und Ergebnisqualität können helfen, Risiken vor einem Eingriff besser einzuschätzen und die Behandlung auf die einzelne Person abzustimmen. Auch digitale oder KI-gestützte Entscheidungshilfen können dabei künftig eine Rolle spielen.
  • 4. Patientenpfade besser abstimmen
    Hausärztinnen, Spezialisten, Spitäler und weitere Gesundheitsfachpersonen benötigen Zugang zu den relevanten Informationen. Ein besserer Austausch erleichtert die gemeinsame Beurteilung der Indikation und kann Doppeluntersuchungen oder widersprüchliche Behandlungen vermeiden.
  • 5. Mitverantwortung der Patientinnen und Patienten stärken
    Patientinnen und Patienten sollen Nutzen, Risiken und Alternativen einer Behandlung verstehen und mitentscheiden können. Verständliche Informationen, Gesundheitsportale und Zweitmeinungsverfahren stärken die Gesundheitskompetenz und die gemeinsame Entscheidungsfindung.
  • 6. WZW-Leistungsprüfung effektiver gestalten
    Strukturierte Daten zur Indikationsqualität können die Prüfung von Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit verbessern. Dies könnte den Krankenversicherern weitere Möglichkeiten schaffen, auffällige Behandlungsmuster zu erkennen und gemeinsam mit den betreffenden Leistungserbringern zu untersuchen.
  • 7. Leistungserbringer qualitätsorientiert auswählen
    Bei der Auswahl von Leistungserbringern sollten neben Wirtschaftlichkeit und Behandlungsergebnissen auch Informationen zur Indikationsqualität berücksichtigt werden. Dies betrifft insbesondere alternative Versicherungsmodelle: Versicherte lassen sich dabei gegen eine tiefere Prämie zuerst durch eine bestimmte Anlaufstelle beraten oder behandeln, etwa eine Hausarztpraxis, ein Ärztenetzwerk oder ein telemedizinisches Zentrum. Künftig könnten solche Modelle Patientinnen und Patienten gezielter an Leistungserbringer vermitteln, die nachweislich qualitativ hochwertige medizinische Entscheidungen treffen. Auch bei der kantonalen Spitalplanung könnte die Indikationsqualität stärker berücksichtigt werden.
  • 8. Vergütung stärker an Qualität ausrichten
    Die Vergütung sollte nicht allein die Menge der erbrachten Leistungen berücksichtigen. Denkbar sind Modelle, die leitliniengerechte Indikationsentscheide, die Vermeidung unnötiger Eingriffe und langfristige Behandlungsergebnisse einbeziehen im Sinne von VBHC-Ansätzen wie Pay4Quality (P4Q).
  • 9. Neue Versicherungsprodukte entwickeln
    Neue Versicherungsmodelle könnten mehrere dieser Ansätze verbinden. Möglich wären der bevorzugte Zugang zu ausgewiesenen Leistungserbringern, qualitätsorientierte Vergütungen (P4Q-Ansätze), Zweitmeinungen und digitale Entscheidungshilfen. Im Zentrum muss eine bessere, evidenzbasierte und patientenorientierte Versorgung stehen.

Qualität vor Quantität

​​​Die Verbesserung der Indikationsqualität ist in erster Linie ein Qualitätsprojekt und kein kurzfristiges Sparprogramm. Werden unnötige oder ungeeignete Behandlungen vermieden, können allerdings auch Risiken und vermeidbare Kosten reduziert werden.

Die Schweiz muss dabei nicht bei null beginnen. Initiativen wie «Smarter Medicine», Tumorboards, Qualitätszirkel und Register wie SIRIS bieten eine gute Grundlage. Nun gilt es, diese Ansätze zu verbinden und schrittweise weiterzuentwickeln. Gute Medizin zeigt sich nicht daran, dass möglichst viel gemacht wird, sondern daran, dass für jede Patientin und jeden Patienten das Richtige gemacht wird.

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