Pflegende Angehörige in der Schweiz: Bedeutung, Herausforderungen und notwendige Regeln
17. Juni 2026 | Kommentar(e) |
Benoît Michellod
Pflegende Angehörige sind eine tragende Säule im Schweizer Gesundheitssystem. Ohne ihr tägliches Engagement wäre die Betreuung vieler pflegebedürftiger Personen kaum möglich. Doch trotz ihrer zentralen Rolle fehlt es oft an klaren Rahmenbedingungen – mit spürbaren Folgen für Betroffene, Versicherte und das gesamte System.
Die Realität im Alltag pflegender Angehöriger
Marie-Thérèse ist eine von Tausenden pflegenden Angehörigen in der Schweiz. Sie betreut ihren Ehemann täglich: Sie hilft ihm beim Anziehen, bei der Körperpflege und bei der Einnahme seiner Medikamente. Aufgaben, die Zeit, Kraft und emotionale Stabilität verlangen – oft ohne professionelle Ausbildung.
Dieses Beispiel zeigt: Angehörigenpflege ist keine Randerscheinung, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Grundversorgung.
Vergütung durch Spitex: Chancen und Risiken
Seit einem Entscheid des Bundesgerichts im Jahr 2019 dürfen Spitex-Organisationen auch nicht ausgebildete Angehörige für die Grundpflege einsetzen und über die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) abrechnen. Diese Regelung brachte Vorteile:
- finanzielle Entlastung für pflegende Angehörige
- bessere Integration in das Pflegesystem
- Anerkennung der geleisteten Arbeit
Kritik am aktuellen System: Wo liegen die Probleme?
Trotz der positiven Ansätze gibt es deutliche Schwachstellen:
Hohe Gewinnmargen von Vermittlungsfirmen
Der Stundenansatz für Grundpflege liegt bei rund 52.60 Franken. Pflegende Angehörige erhalten jedoch häufig nur 30 bis 35 Franken pro Stunde. Die Differenz verbleibt bei den Organisationen.
Kritischer Punkt: Ein erheblicher Teil der Gelder – finanziert durch Prämien- und Steuerzahler – fliesst nicht an die Pflegenden selbst.
Aggressive Rekrutierungsmethoden
Einige Unternehmen nutzen gezielte Marketingstrategien, um neue pflegende Angehörige zu gewinnen. Medienberichte zeigen sogar Fälle, in denen Personen nach dem Kauf von Pflegeprodukten direkt kontaktiert wurden.
Das wirft Fragen auf zu:
- Datenschutz
- ethischen Standards
- Seriosität einzelner Anbieter
Fehlende klare Regeln
Das aktuelle System bietet zu viel Spielraum:
- keine einheitlichen Qualitätsstandards
- unklare Abgrenzung der Leistungen
- unterschiedliche kantonale Praktiken
Folge: Das Vertrauen in das System nimmt ab – und langfristig gerät die Finanzierung der OKP unter Druck.
Politische Entwicklungen: Mehr Regulierung geplant
Die gute Nachricht: Die eidgenössischen Räte arbeiten an einem strengeren gesetzlichen Rahmen. Geplant sind unter anderem:
- Klare Definition der erstattungsfähigen Pflegeleistungen
Welche Aufgaben dürfen Angehörige abrechnen? - Neue Kategorie für pflegende Angehörige
Mit angepassten Vergütungssätzen - Verbindliche Qualitätskriterien für Spitex-Organisationen
Mehr Kontrolle bei der Zulassung - Regionale Begrenzung von Leistungserbringern
Vermeidung von Wildwuchs am Markt - Separate Abrechnung der Leistungen durch Angehörige
Mehr Transparenz bei den Kosten
Warum klare Rahmenbedingungen entscheidend sind
Ein gut reguliertes System bedeutet nicht weniger Wertschätzung – im Gegenteil: Es sorgt für:
- faire Entlohnung
- bessere Qualität der Pflege
- nachhaltige Finanzierung
- mehr Vertrauen bei Versicherten
Fazit: Balance zwischen Anerkennung und Kontrolle
Pflegende Angehörige sind unverzichtbar. Doch ohne klare Regeln besteht die Gefahr, dass wirtschaftliche Interessen überhandnehmen und das System aus dem Gleichgewicht gerät.
Ein intelligenter, gut durchdachter Rechtsrahmen ist daher entscheidend:
Er schützt die Pflegenden, stärkt die Qualität der Versorgung und sichert die Zukunft des Schweizer Gesundheitswesens.