Volksinitiative «Für eine starke Pflege»: die Herausforderungen der zweiten Etappe
07. Oktober 2026 | Kommentar(e) |
Luca Strebel
Wie lassen sich die Arbeitsbedingungen von Pflegefachpersonen langfristig verbessern, ohne gleichzeitig den Fachkräftemangel zu verschärfen oder den Prämiendruck zu erhöhen? Dieses empfindliche Gleichgewicht steht im Fokus der Umsetzung der zweiten Etappe der Volksinitiative «Für eine starke Pflege». Ein Überblick über die Massnahmenvorschläge, die Beschlüsse des Nationalrats und die nächsten Schritte im Parlament.
Worum geht es?
Die Volksinitiative «Für eine starke Pflege» wurde am 28. November 2021 von 61 Prozent der Stimmbevölkerung und einer Mehrheit der Kantone angenommen. Sie umfasst drei Ziele, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken:
- Aufwertung des Pflegeberufs in der Schweiz
- Gewährleistung einer angemessenen Ausbildung
- Verbesserung der Arbeitsbedingungen
Wie steht es um die Umsetzung?
Die erste Etappe trat im Juli 2024 in Kraft. Sie sieht Folgendes vor:
- eine Ausbildungsoffensive im Pflegebereich
- die Möglichkeit, dass Pflegefachpersonen bestimmte Leistungen selbstständig abrechnen können
Die Vorschläge des Bundesrats
Die Vorschläge des Bundesrats umfassen zwei Entwürfe:
1.Ein spezifisches Gesetz über die Arbeitsbedingungen in der Pflege (BGAP)
Das BGAP soll die Arbeitsbedingungen sowie den Arbeitnehmerschutz langfristig verbessern und die Sozialpartner stärker in die Pflicht nehmen. Es regelt insbesondere:
- die Obergrenze der wöchentlichen Höchstarbeitszeit
- die Festlegung einer wöchentlichen Normalarbeitszeit
- die zwingende Kompensation von Überstunden
- Nachtarbeit, Sonn- und Feiertagsarbeit
Die Revision des GesBG sieht die Anerkennung des Berufs der Pflegeexpertin oder des Pflegeexperten APN (Advanced Practice Nursing) vor. Damit soll auf die steigende Komplexität in der Pflege und den Bedarf an neuen Pflegemodellen reagiert werden. Die Ausbildungsziele umfassen unter anderem auch digitale Kompetenzen.
Die Herausforderungen
Die im Rahmen dieser Reform genannten Zahlen verdeutlichen das Ausmass der Herausforderungen:
- Ein Drittel des Pflegepersonals gibt den Beruf aufgrund der als zu schwierig empfundenen Arbeitsbedingungen auf.
- 14’000 Stellen sind derzeit unbesetzt.
- Tausende zusätzliche Stellen wären bei einer Reduktion der Wochenarbeitszeit von Pflegefachpersonen nötig.
- Mehrkosten in Milliardenhöhe könnten anfallen.
Für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen sind Massnahmen erforderlich – allerdings müssen deren mögliche Auswirkungen auf den Fachkräftemangel in der Pflege sowie die Prämienhöhe der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) berücksichtigt werden.
Beschlüsse des Nationalrats
Der Nationalrat sieht eine grosse Herausforderung bei den Auswirkungen auf die Prämien. Aufgrund dessen hat er beschlossen,
- die wöchentliche Höchstarbeitszeit von 50 Stunden beizubehalten und nicht auf 45 Stunden zu reduzieren und
- die wöchentliche Normalarbeitszeit auf maximal 42 Stunden festzulegen. Der Bundesrat hatte eine Bandbreite von 40 bis 42 Stunden vorgeschlagen.
So geht es weiter
Nun muss der Ständerat sich zum Entwurf äussern. Die Gespräche dauern also an, doch die Herausforderung bleibt dieselbe: die Arbeitsbedingungen von Pflegefachpersonen langfristig verbessern und dabei die Kapazität des Gesundheitssystem zur Neugewinnung von Personal bewahren sowie die Auswirkungen auf die Prämien gering halten.